Schwerpunkt Rituale

Lust auf Experimente und neue Wege?


Kleine Ritual-Theorie

Ein Ritual ist eine symbolische Handlung, durch die eine Bedeutung zum Ausdruck gebracht oder eine Veränderung markiert und bewirkt wird. Es ist Kommunikationsmittel zwischen Struktur und Sinn.
Ursprünglich im kultischen Bereich angesiedelt, werden Rituale schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts allgemeiner verstanden und von Ethnologie, Psychologie und Soziologie untersucht. In den 80er Jahren etablieren sich die ritual studies insbesondere im englischen Sprachraum als interdisziplinärer Forschungszweig. Unter Beteiligung zahlreicher Fachrichtungen wird der rituelle Aspekt der verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche systematisch untersucht: Übergangsriten im Zusammenhang mit Migration ebenso wie Wahlkampf als rituelle Inszenierung, Rituale als Formen künstlerischen Schaffens, Rechtsrituale, Sportrituale und vieles mehr.
Parallel dazu ‚entdeckt’ die systemische Familientherapie Rituale und setzt sie erfolgreich ein, um Veränderungsprozesse zu unterstützen.
Ziemlich neu ist das Interesse für Rituale in Arbeitswelt und Wirtschaft und die Erkenntnis, dass angemessene Rituale die Unternehmenskultur und die Bewältigung von Umbrüchen positiv beeinflussen.

Rituale können das, denn:

  • sie sind Übermittler von Werten, Haltungen und Zielen
  • sie erleichtern, markieren und bewirken Übergänge
  • sie errichten Konventionen für neue Verhaltensweisen, Handlungen und Bedeutungen
  • sie helfen, mit Ängsten und starken Emotionen umzugehen
  • sie fördern das soziale Zusammenleben
  • sie unterstützen beim Rollenwechsel und beim Ausbilden von Identität

Im übrigen sind Rituale im Berufsleben allgegenwärtig, auch wenn ihr Sinn nicht immer deutlich ist. Rituale in Organisationen sind Betriebsausflüge, der Empfang einer neuen Mitarbeiterin/ eines neuen Mitarbeiters, die Kaffeepause oder die Zigarette mit der Kollegin am Gang, MitarbeiterInnen-Gespräche oder die Visite im Krankenhaus - um nur einige Beispiele zu nennen.

Literatur (Auswahl):

  • Belliger, Andréa; Krieger, David J. (Hrsg.):
    Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch.
  • Echter, Dorothee:
    Rituale im Management. Strategisches Stimmungsmanagement für die Business Elite.
  • Gennep, Arnold van:
    Übergangsriten (Les rites de passage).
  • Imber-Black, Evan; Roberts, Janine; Whiting, Richard.A.:
    Rituale. Rituale in Familien und Familientherapie.
  • Welter-Enderlin, Rosmarie; Hildenbrand, Bruno (Hrsg.):
    Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie.

Rituale gestalten

In der Arbeit mit Ritualen unterscheidet riegerin.at zwischen Alltagsritualen und Ritualen als bewusst vollzogene Handlungen, mit denen Sinn verkörpert und konstruiert wird.

Alltagsrituale werden, ähnlich wie Gewohnheiten, oft ohne Bewusstsein einer tieferen Bedeutung ausgeführt: zum Beispiel die Begrüßung von MitarbeiterInnen oder KundInnen. Sie dienen der Wahrung von Kontinuität und Stabilität und wirken identitätsbildend.
Für die Ritualgestaltung sind sie wichtig, weil sie ein Ausdruck der Organisationskultur sind, durch den innere Einstellungen und Haltungen sichtbar werden.

Bewusste Rituale werden zu bestimmten Anlässen einmalig (zB bestimmte Übergangsrituale)  oder wiederholt (zB kalendarische Rituale) eingesetzt.
Sie transportieren Bedeutungen nach innen und außen, zelebrieren wichtige Anlässe und unterstützen als Entwicklungsrituale Übergänge und Wandel.
Bewusste Rituale können auch dazu dienen, durch einen einmaligen Akt eine Veränderung der Alltagsrituale herbeizuführen, wenn diese den beteiligten Personen nicht mehr angemessen oder zielführend erscheinen – zB wenn ein Sitzungsritual verändert werden soll. Ein Ritual in diesem Sinn ist eine metaperformative Handlung: durch sie wird eine Konvention festgelegt, die dann Gültigkeit hat und in Alltagsritualen regelmäßig bestätigt und reproduziert wird.

Ritualgestaltung kann beinhalten:
  • eine bewusste Prüfung der bestehenden Rituale, ihrer Wirksamkeit und Angemessenheit
  • die Konstruktion von einmaligen Ritualen für bestimmte Situationen – meist für Übergänge, oder Veränderungen
  • die Entwicklung von maßgeschneiderten Ritualen für den Alltag, die den Bedürfnissen der Person, des Teams oder der Organisation entsprechen, ihre Aufgaben erleichtern und ihre Besonderheit zum Ausdruck bringen.

Ritualgestaltung

Mehr zum Thema finden Sie im Artikel über Frauen in öffentlichen Ritualen


Beispiele für Rituale im beruflichen Kontext

Neubeginn

Eine Unternehmensgründerin hat sich zum Ziel gesetzt, mit ganzer Kraft und vollem Engagement für ihre Firma zu arbeiten – auch in den Bereichen, die ihr nicht so liegen. Sie wünscht sich ein Ritual zur Unterstützung. Nach einem Vorgespräch schlägt riegerin.at ein Outdoor-Ritual vor, eine Lebensweg-Gestaltung in der Natur. Für die Jungunternehmerin werden dabei zentrale Wendepunkte in ihrer Berufslaufbahn und ihr Zusammenhang zur aktuellen Situation deutlich. Sie erkennt klar, was aus ihrer Vergangenheit sie zurücklassen und was sie als Ressourcen in ihr Unternehmen einbringen will.
Monate später berichtet sie, dass ihr das Ritual noch immer Kraft und Sicherheit für ihre Tätigkeit gibt.

Rollenwechsel

Im Vorstand eines Vereins findet eine Rochade statt, die bisherigen Vorstandsmitglieder wechseln ihre Positionen, eine Person kommt neu hinzu. Nach einer Beratung beschließt der Vorstand, die geplante Veränderung bei der Mitgliederversammlung durch ein kleines Ritual darzustellen. Die Vorstandsstühle werden mit Symbolen für die jeweilige Funktion versehen und zunächst gemäß der alten Verteilung eingenommen. Nach der Entlastung stehen die Vorstandmitglieder auf, ein weiterer Stuhl kommt dazu und die Personen stellen sich gemäß dem Wahlvorschlag hinter die Stühle, nach der Wahl nehmen sie ihre Plätze ein. Durch diese einfache Inszenierung wird die Veränderung für die anwesenden Mitglieder klar sichtbar. Es gibt im Anschluss viel positive Rückmeldung, die Sitzung wird als lebendiger erlebt als gewohnt.

Mehr Klarheit

Im Führungsgremium einer Sozialeinrichtung wird häufig ausufernd diskutiert, wobei sich persönliche mit funktionsbedingten Anliegen oft unentwirrbar vermischen. Nach einem Coaching führt die Leiterin Namensschilder ein, die wie bei einer Podiumsdiskussion am Tisch aufgestellt werden. Sie sind auf einer Seite mit dem Namen der Person, auf der anderen Seite mit der Funktion beschriftet. Diese einfache Maßnahme (die im Sinne des Informationsgehalts redundant ist, weil sich ohnehin alle kennen) führt zu einer deutlichen Beruhigung. In der folgenden Sitzung werden die TeilnehmerInnen gebeten, den anderen jeweils die Seite zu zeigen, aus der heraus sie sich zu Wort melden. Das trägt wesentlich zur Klarheit bei, die Sitzung dauert kürzer als geplant und wird allgemein als produktiv empfunden.

Abschied

In einer Fraueneinrichtung, die ein Gasthaus betreibt, geht eine Mitarbeiterin in Pension. Sie war von der Gründung an mit dabei und hat im gleichen Gasthaus noch unter den früheren Betreibern ihre Lehre absolviert und mit einer kurzen Unterbrechung als Kellnerin gearbeitet. Der Betrieb war für sie 40 Jahre lang berufliche Heimat – eine im Tourismus bemerkenswerte Kontinuität. Zu ihrer Verabschiedung organisieren die Geschäftsführerin und das Team als Ritual ein Fest, zu dem öffentlich eingeladen wird. Die Honoratioren des Ortes und Stammgäste sind anwesend, die Leistungen der Mitarbeiterin werden öffentlich gewürdigt. Das Echo in der lokalen Presse ist gut, die Institution kann sich hervorragend präsentieren und bei ihren KundInnen in Erinnerung rufen.

Zurück zum Seitenanfang