Brot und Rosen: Frauen, Öffentlichkeit und Ritual

Frauen haben in öffentlichen Ritualen noch bei weitem nicht den Platz, der ihnen zusteht.

Rituale sind Übermittler von Werten, Haltungen und Zielen. Über symbolische, rituelle Handlungen werden soziale Identitäten errichtet, Zugehörigkeiten zu einer Gemeinschaft definiert, Übergänge vollzogen.

Als Einzelpersonen feiern wir unsere Identität durch Geburtstagsfeste, Alltagsrituale und Jahreszeitenfeiern geben unserem Leben Struktur. In Familienfeiern werden neue Mitglieder aufgenommen und die Toten verabschiedet. In Firmen werden Normen und Traditionen durch ritualisierte Abläufe festgelegt und verändert.
Die Ritualthemen, wie Zugehörigkeit, Bewältigung von Übergängen, Identität, Ordnung und Sinnhaftigkeit des Tuns finden sich auch auf der Ebene des Staates wieder, wo die gesellschaftlichen Werte durch Rituale immer wieder neu festgeschrieben und erneuert werden. Nach sozialwissenschaftlichen Ritualtheorien „sind die Riten der Makroebene /.../ für die Konstruktion und das Aufrechterhalten der gesamtgesellschaftlichen Identität von wesentlicher Bedeutung.“1) Dass viele gesellschaftliche Rituale nach wie vor sehr stark männlich patriarchal geprägt sind, möchte ich an einigen Beispielen zeigen.

Archaisches Ritual beim Staatsbesuch

Das Abschreiten von Ehrenformationen anlässlich von Staatsbesuchen ist ein archaisches Ritual, das ursprünglich wohl eine ähnliche Bedeutung hatte wie auf der individuellen Ebene das Entgegenstrecken der rechten Hand zur Begrüßung: also ein Signal, das die Waffen eingesteckt bleiben, weil die Begegnung eine friedliche sein soll.

Das Händeschütteln steht heute für das Herstellen von Kontakt und Nähe und ist lebendig geblieben. Wie sinnhaft dagegen ein militärisches Ritual – insbesondere etwa unter StaatschefInnen von EU-Staaten – noch ist, darf frau und man sich ruhig fragen.
Zum diesjährigen Nationalfeiertag wurde in den Medien zum Teil sehr hitzig die Meldung diskutiert, dass die Garde, die Österreich bei offiziellen Anlässen repräsentiert, einen 40%igen Anteil von Muslimen aufweise, was ein bisschen viel sei, weil die Garde ja doch die österreichische Gesellschaft widerspiegeln solle.2) Und wo bleibt dann der 52%ige Frauenanteil im Gardebataillon?

Nach wie vor ist es auch üblich, Kinder – und zwar insbesondere hübsche kleine Mädchen – als Unterpfand für friedfertige Intentionen und als Aufputz bei Staatsbesuchen dabei zu haben. Solche Fotos kennen wir schon von Hitler,3) dennoch ist diese Praktik, die den Objekt-Status von Frauen zementiert,  nicht in Verruf gekommen. Zuletzt war ein algerisches Mädchen zwischen den Herren Bouteflika und Sarkozy, der ihr die Hand auf die Schulter legt, zu sehen.4)

(k)ein geschlechtsneutraler Text für die Bundeshymne?

Wie häufig, wenn Frauen auf die Bedeutung weiblicher Sprachformen hinweisen (oder wenn sie sonst auf eine gerechtere Aufteilung von bezahlten Ressourcen und unbezahlter Arbeit pochen), wird dieses Bestreben leicht ins Lächerliche gezogen, so nach dem Motto – haben die denn keine anderen Probleme? Womit gemeint ist, wir mögen es doch bitte weiterhin den Männern überlassen zu definieren, was wichtig ist und was nicht. So erging es der Initiative der früheren Gesundheits- und Frauenministerin Rauch-Kallat, die Bundeshymne sprachlich genderkonform anzupassen.5)

Eine Hymne dient dazu, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation feierlich auszudrücken. Sie sollte daher so formuliert sein, dass sich möglichst alle Angehörigen dieser Nation in Text und Melodie wieder finden.

Dass die sprachliche Form keineswegs so egal ist, wie die Haben-die-keine-anderen-Probleme-Fraktion oft tut, zeigt ein Blick über unsere Grenzen:  Als die Latinos in den USA „nuestro himno“ auf spanisch forderten, meldete sich Bush persönlich zu Wort und ließ ausrichten, die Nationalhymne sei auf Englisch zu singen 6) - leider auch das ein Beispiel für die Verweigerung von Veränderung und zeitgemäßer Anpassung eines Rituals.

Es gilt die Unschuldsvermutung – Männerrituale in der Wirtschaft

Die Fotos vom Refco Börsengang 7) und die Liste der Angeklagten im Bawag-Prozess zeigen: wer auch immer am Ende vom Gericht für schuldig befunden wird, das Bawag-Desaster in seinen unvorstellbaren Ausmaßen wurde von Männern verursacht.

Wenn Frauen in Wirtschaft oder Politik etwas misslingt, wird ihr Versagen sofort ursächlich ihrem Geschlecht zugeschrieben: Frauen sind dann eben, je nach Lage der Dinge, zu defensiv oder zu aggressiv, zu emotional oder zu sachlich, zu stark oder zu wenig geschminkt, etc. Umgekehrt können Männer ganz offensichtlich alle nur erdenklichen unglaublichen Fehler machen, ohne dass die Tatsache, dass es eben ganz oder fast ausschließlich Männer waren, die zu unser aller Schaden missgewirtschaftet haben, auch nur Erwähnung findet. 8) Die Verantwortung wird einzelnen schwarzen Schafen, Egomanen etc. zugeschrieben, die sozusagen als Ausreißer gelten. Dass unser derzeitiges System männliche Egomanen auf dem Weg an die politische und wirtschaftliche Macht außerordentlich begünstigt, wird ausgeblendet.

Vielleicht ein Zufall, aber von der Symbolkraft her nicht unwesentlich ist die Tatsache, dass sowohl die vorsitzende Richterin im Prozess, als auch die Leiterin des Gefängnisses, wo der Hauptangeklagte in Untersuchungshaft sitzt, Frauen sind: der Staat, der Rechenschaft fordert, hat ein weibliches Gesicht. Ausgleichende Gerechtigkeit?

Rituale in Bewegung: Brot und Rosen

Es gibt zahllose weitere Beispiele für überholte und verknöcherte Rituale, die den Frauen ihren legitimen Platz in Gesellschaft und Öffentlichkeit vorenthalten.

Unter den Talaren ist vielleicht etwas weniger Muff als 1968, ganz sicher aber sind die Frauen unter den Talarträgerinnen noch immer krass unterrepräsentiert.

In Podiumsdiskussionen ist es nach wie vor gang und gäbe, dass Männer unter sich Themen ausmachen, die von hoher allgemeiner Relevanz sind, oder bei denen es darum geht, wie unser aller Geld ausgegeben wird. Wenn dagegen nur Frauen zu einer Diskussion geladen sind, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein spezifisches Thema handelt, das dem privaten Bereich zugeordnet wird – zB die Frage der häuslichen Pflege.

Allerdings gibt es auch viel Veränderung, selbst wenn sie nur langsam vonstatten geht. Nicht nur einzelne Frauen wie in früheren Jahrhunderten, viele Frauen sind heute in der Öffentlichkeit sichtbar und präsent. Sie übernehmen Verantwortung und sie finden eigene, neue Rituale.

In Graz hat das Projekt WOMENT! die weibliche Geschichte und die weibliche Gegenwart sichtbar gemacht. 9) Beim Lichtermeer der Stadt Graz Ende November haben knapp 600 Bürgerinnen und Bürger ein deutliches sichtbares und hörbares Zeichen gegen jegliche Form von Gewalt an Frauen und Kindern.10)

Der 8. März als Tag, an dem die Frauen ihre Anliegen in der Öffentlichkeit vertreten, ist zu einer festen Einrichtung geworden und findet inzwischen auch gutes mediales Echo.

Brot und Rosen ist ein Stichwort, mit dem Frauen immer wieder öffentlich ihren Anteil an gut bezahlter Erwerbsarbeit und ihren Anteil an den schönen Dingen im Leben eingefordert haben und es weiterhin tun werden.

Zu den Unterschieden in den Erzählweisen von Männern und Frauen sagt die Dramaturgin Hannah Hurtzig:  „Männer machen ihr Leben meist zu einer fortlaufenden, stringenten Erzählung entlang der Ausbildung, der Berufswelt und ihren Produkten, die dabei rauskamen. Die wunderbare Vermengung von dem Privaten, Intimen und dem Öffentlichen, die gibt es nur bei den Frauen. Sie sind da in einer wirklich radikalen und sympathischen Art und Weise schamloser, weil sie wissen, dass das Private auch politisch ist.“11)

Artikel als pdf

Fußnoten

  1. Krieger, D.J., Belliger, A. (Hrsg.), 2006: Ritualtheorien. Wiesbaden, Seite 17
  2. vgl. Kleine Zeitung vom 26.10.2007 „Solche Leute kann jede Armee brauchen“;
  3. http://derstandard.at/meinung,  Einserkastl und Kolumnen von Hans Rauscher
  4. Die Nationalsozialisten waren Meister in der rituellen Inszenierung von Massenevents ohne authentischen Sinnbezug und haben dadurch viel zur Diskreditierung von Ritualen beigetragen.
  5. vgl. Der Standard vom 5.12.2007 „Kühler Empfang für Sarkozy“
  6. vgl. Der Standard vom 27.9.2005 „Hochsymbolischer Dreivierteltakt“;
  7. Kleine Zeitung vom 27.9.2005 „Auch den Töchtern eine Hymne“;
  8. Kleine Zeitung vom 28.9.2005, Kommentar „Große Töchter“ von Carina Kerschbaumer
  9. vgl. Kleine Zeitung vom 20.4.2006 „Latinos übersetzten Hymne: USA in Rage“
  10. vgl. Der Standard vom 28.4.2006 „Bankenaffäre aus US- und österreichischer Sicht“
  11. Eine Erklärung für diese Diskrepanz bietet die Diversity-Forschung mit dem Token-Effekt, siehe http://213.229.1.53/genderconsult/tokeneffekt.htm.
  12. Er besagt, dass eine Minderheit (zB Frauen in politischen oder wirtschaftlichen Führungspositionen) mindestens 40 % erreichen muss, um verändernd auf das Ganze einwirken zu können. Äußerungen von Mitgliedern kleinerer Gruppen werden als stellvertretend (token = Symbol) für die Subgruppe betrachtet.
  13. siehe http://www2.frauenservice.at/
  14. siehe http://www.frauenbeauftragte.at/
  15. vgl. Der Standard Spezial, Her position in transition, 2006

Zurück zum Seitenanfang