Was (nicht) normal ist und wie wir uns behindern - benachteiligte Mehrheiten und faire Sprache

Behindert sein oder behindert werden?

Wir sind nicht behindert, wir werden behindert1, lautet ein Satz, mit dem selbstbewusste Menschen mit Behinderung oft auf ihre Situation hinweisen. Und wer einmal wegen eines gebrochenen Beins vorübergehend mit Krücken, oder in Begleitung einer gehbehinderten Freundin in der Stadt unterwegs war, wird bemerkt haben, wie viele Behinderungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in unserer Gesellschaft nach wie vor existieren. So sind Toiletten im Keller, die nur über eine Treppe erreichbar sind, auch in neu und teuer eingerichteten Szene-Lokalen immer noch beschämende Normalität. Selbst in öffentlichen Gebäuden ist Barrierefreiheit noch nicht selbstverständlich, die Frist für die Adaptierung wurde soeben bis 2020 verlängert. Behindertenanwalt Buchinger kritisiert dies als "Schande für die Republik Österreich" 2

Nun sind Mobilitätseinschränkungen bei weitem nicht die einzige Form von Behinderung. Diese reichen von Sinneseinschränkungen, chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes bis zu den immer häufiger auftretenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Burnout. 3
Und wer von uns hat nicht irgendeine Einschränkung oder Beschwerde, die die Arbeitsfähigkeit erheblich mindern kann? Wer weder an Fehlsichtigkeit, Allergien, Rückenbeschwerden oder gelegentlichen depressiven Verstimmungen leidet (oder damit zu leben gelernt hat), kennt vermutlich zumindest vorübergehende Behinderungen durch eine längere Krankheit, als Folge eines Unfalls oder durch Erschöpfung wegen chronischen Stresses bei der Arbeit.
So gesehen, stellt sich die Frage  nicht nach Behinderung, sondern nach der Normalität: was wird in unserer Gesellschaft als normal definiert und was nehmen wir dafür in Kauf? Das heißt auch, wen schließen wir, als Konsequenz dieser Definition, vom Zugang zu bestimmten Leistungen, Angeboten oder Möglichkeiten aus?

Was ist eigentlich  normal?

Diese Fragestellung schließt das Thema Behinderung ein, beschränkt sich aber nicht darauf. Denn als normal gilt in der westlichen Gesellschaft nach wie vor ein heterosexueller gesunder Mann mit weißer Hautfarbe, mittlerem Einkommen, fixem Wohnsitz, Frau, Kindern und Auto. Nach diesem Normalfall richten sich nach wie vor unsere Arbeitszeitmodelle, Pensionsansprüche, Steuersysteme, Förderungen etc. So ist der Militärdienst in einem Dienstverhältnis für die Vorrückung immer als Dienstzeit anrechenbar, Elternkarenz meist nicht.
Jetzt könnte man sagen, das entspricht dem Durchschnitt, dauerhafte gesundheitliche Einschränkungen oder Homosexualität  betreffen eben nur eine Minderheit. Dann stellt sich einerseits die Frage, wie wollen wir mit diesen Minderheiten umgehen? Sprechen wir ihnen bestimmte Rechte ab, die anderen zustehen, wie den homosexuellen Paaren das Recht auf Adoption? Lassen wir sie auf Rechte, die Ihnen gesetzlich zustehen, jahrzehntelang warten, wie die Kärntner Sloweninnen und Slowenen  auf zweisprachige Ortstafeln? Es gibt aber noch eine weiteren Haken bei der Orientierung am Durchschnitt: die weltweit bedeutendste von Ungerechtigkeiten und Benachteiligung betroffene Gruppe, die Frauen, sind keine Minderheit, sie stellen in Österreich 52 % der Bevölkerung. 4
Nun hat schon Simone de Beauvoir festgestellt, dass die Frauen eben als das andere, das heißt eben das nicht normale Geschlecht definiert sind. Dieser Unterschied ist nach wie vor wirksam.
Trotz weitgehender gesetzlicher Gleichstellung in westlichen Demokratien, sind  Frauen bei der Verteilung von Macht, Einfluss, Einkommen und besonders Vermögen nach wie vor krass benachteiligt. Dies ist eine skandalöse Ungerechtigkeit, die immer noch so alltäglich ist, dass sie vielfach als normal empfunden wird.
Besonders ärgerlich und gar nicht normal empfinde ich es deshalb, wenn VertreterInnen  benachteiligter Gruppen, die um ihre volle gesellschaftliche Anerkennung kämpfen, sich diese Anerkennung untereinander nicht zukommen lassen und es verabsäumen, sich in ihren berechtigten Anliegen zu respektieren und solidarisch zu unterstützen. Wie schaut es diesbezüglich bei den Themen Frauen- und Behindertengleichstellung aus?

Diskriminierung in der Sprache

Ein Blog-Eintrag von Maria Putzhuber aus dem Jahr 2006 ist immer noch aktuell. Sie schreibt: "Diese Szene [des barrierefreien Webdesign] ist sensibilisiert für behindertengerechte Sprache, sie wird immer brav Menschen mit Behinderungen sagen statt Behinderte und nie und nimmer von geistiger Behinderung sprechen, obwohl sich die Lebenslage von Menschen mit Lernschwierigkeiten deshalb nicht signifikant verbessern wird.
Mit geschlechtergerechter Sprache hat sie hingegen nichts am Hut, das ist bloß umständlich und langatmig, die Texte werden länger, die Einkommensunterschiede von Frau und Mann nicht kleiner, Screenreader lesen holprig, wenn da ein Binnen-I steht (obwohl die kleine Sprechpause eigentlich eh der Sinn der Sache ist) und Frauen sind natürlich, selbstverständlich immer mitgemeint.
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Eine Überprüfung der angeführten barrierefreien Webseiten ergibt, dass diese auch 5 Jahre später keine geschlechtergerechten Formulierungen aufweisen, und auch die WKO geht noch immer selbstverständlich davon aus, dass der behinderte Arbeitnehmer ein Mann ist. 6
Positiv hervorzuheben ist, dass die Trägerorganisationen von Dienstleistungen im Behindertenbereich ihre Webauftritte durchwegs geschlechtsneutral formuliert haben.
Dass die sprachliche Benennung nicht so unwichtig ist, wie trotz besseren Wissens gelegentlich noch behauptet wird, lassen die vielen LeserInnenbriefe erkennen, in denen sich Betroffene und ihre VertreterInnen (zu Recht!) dagegen verwehren, in der Zeitung als Behinderte, anstatt als behinderte Menschen, tituliert zu  werden. 7

Mehrfachdiskriminierung von Frauen

Wie Frauen, die einer benachteiligten Minderheit angehören, damit automatisch zu mehrfach-benachteiligten Menschen werden, sind auch behinderte Frauen in vielen Belangen schlechter gestellt als behinderte Männer, wie Silvia Paierl nachweisen konnte. In der Studie „Gender und Behinderung8  geht sie den Gründen und gesellschaftlichen Bedingungen nach und zeigt auch die Bedarfe und Handlungsmöglichkeiten, um die Situation von Frauen mit Behinderung am Arbeitsmarkt zu verbessern.
Die Lektüre ist wärmstens zu empfehlen, ganz besonders den PolitikerInnen unter uns.

Artikel als pdf

Fußnotensiehe zum Beispiel vonwegenbehindert.wordpress.com/2010/05/31/man-ist-nicht-behindert-man-wird-behindert-un-behindertenrechtskonvention-3/ (aufgerufen am 20.1.2011)

  1. Siehe zum Beispiel vonwegenbehindert (aufgerufen am 20.1.2011)
  2. Siehe Kleine Zeitung vom 21.1.2011
  3. Definition von Behinderung lt. BehindertenEinstellungsGesetz (BEinstG):
    “Behinderung im Sinne dieses Bundesgesetzes ist die Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen, die geeignet ist, die Teilhabe am Arbeitsleben zu erschweren. Als nicht nur vorübergehend gilt ein Zeitraum von mehr als voraussichtlich sechs Monaten.“
    Siehe Rechtsinformationssystem RIS oder Verein BIZEPS, (aufgerufen am 20.1.2011)
  4. Auch in anderen europäischen Ländern und den USA, also in Gesellschaften mit hohem Anteil an älteren Menschen, besteht eine Frauenmehrheit. Weltweit gibt es lt. UNO aber mehr Männer als Frauen.
    Siehe Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (aufgerufen am 20.1.2011)
  5. Siehe MAIN-Blog (aufgerufen am 24.1.2011)
  6. Siehe Wirtschaftskammer Wien (aufgerufen am 21.1.2011)
  7. Siehe Kleine Zeitung vom 19.1.2011, LeserInnenbriefe
  8. Institut für Arbeitsmarktbetreuung und –forschung IFA: Gender und Behinderung – Benachteiligungskonstellationen von Frauen mit Behinderung am Arbeitsmarkt. Eine Literaturstudie im Auftrag des Bundessozialamts (aufgerufen am 24.1.2011)

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